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Kommerzielle Verhandlungen mit der Volksrepublik China: Einige Gedanken

  1. In China muss man zwischen echten kommerziellen Verhandlungen und Pseudoverhandlungen unterscheiden. Echten Verhandlungen sind jene, bei denen der chinesische Partner mit dem Ausländer in der Tat einen Vertrag unterzeichnen will. Bei Pseudoverhandlungen erhofft sich der chinesische Verhandlungspartner aus der Verhandlung (Kommunikation im weiten Sinne) mit der ausländischen Firma Vorteile irgendeiner Art, ohne in der Regel ein rechtsgültiges Dokument zu unterzeichnen.
  2. Erscheinungsformen der Pseudoverhandlungen:
bulletTechnische Gespräche
bulletSeminarien
bulletVerhandlungen, die geführt, um einen Dritten zu Konzessionen zu bewegen (in der Regel müssen chinesische Institutionen für grössere Projekte mit mehreren Firmen verhandeln)
bulletVerhandlungen, die geführt werden, obwohl keine Abschlussbewilligung vorliegt
bulletFeldversuche oder Homologation im Chemiebereich
bulletBetriebsbesichtigungen
bulletAusbildung etc.

Die Folgen der Pseudoverhandlungen u.a.:

bulletInformationen werden gegeben über technische Fakten, Produktionsabläufe, Marketing (Märkte, Kanäle, Preise);
bulletPreisstrukturen und Preisniveaus werden zerstört;
bulletFakten wechseln den Besitzer, die es den chinesischen Unternehmen erleichtern, Produkte zu kopieren.

Grundsatz: Was für uns wertlose Informationen scheinen, mag bei den Chinesen den entscheidenden Durchbruch erzielen, z.B. bei der Entwicklung eines Produktes.

  1. Bei Grossprojekten bedienen sich die Chinesen meistens der „totalen Verhandlung". Über sogenannte „Vertrauenspersonen" des ausländischen Unternehmes werden gezielte Fehlinformationen (z.B. Preisvorstellungen) gestreut. Verhandlungen werden verzögert, zerredet, suspendiert, man weigert sich auch, gewisse Gesprächspartner zu akzeptieren. Verhandlungspartner werden zermürbt, und aus gewissen kleinen Unstimmigkeiten wird Kapital geschlagen.
  1. Vorbereitung der Verhandlung ist entscheidend:
bulletAbklärung der Wettbewerbskraft auf dem chinesischen Markte.
bulletKann man es sich leisten, den Vertrag zu verlieren, und welches sind die Minimalbedingungen, die man erfüllt haben möchte (Preise, Technologie, Verhandlungsdauer etc.). Wo will man Reserven einbauen ?
bulletÜber welchen Gesamtbetrag können die chinesischen Partner unterzeichnen (fällt Vertrag unter Kompetenz der Stadt, Provinz oder der Zentralbehörde) ?
bulletWelches sind die Verhandlungspartner und wer soll auf ausländischer Seite Verhandlungen führen ?
bulletMüssen vom chinesischen Partner Bewilligungen eingeholt werden, damit Vertrag abgeschlossen werden kann ? Solche „Stempelstellen" sind vor den Verhandlungen zu pflegen.
bulletKennenlernen der gesetzlichen Vorschriften, es gibt nämlich noch genügend nicht publiziertes Material, auf das sich Chinesen berufen sollen.
bulletMüssen Verhandlungsgeschenke verteilt werden ?
  1. Das Preisniveau in Asien und insbesondere in China liegt weit unter den Weltmarktpreisen. Ein Grund dafür ist, dass die Chinesen die Konkurrenz sehr geschickt auszunutzen wissen. Auch sind die ausländischen Unternehmen bereit, tüchtig zu tauchen, ohne aber zu berücksichtigen, dass Preiskonzessionen in China schwer rückgängig gemacht werden können.
  2. Hauptschuldige für diese tiefen Preisniveaus sind die ausländischen Firmen oft selber.

    Die Komissionen an Handelsfirmen und firmeneigene Vertreter werden nämlich auf der Basis des Umsatzes und nicht des erwirtschafteten Gewinnes ausgeschüttet. Nur um jeden Preis Verträge unterzeichnen, lautet das Motto. Dies ist übrigens ein wesentlicher Punkt, weshalb die Vertretungen und Handelshäuser oft den Firmen, deren Interessen sie vertreten, abraten, Kontakte mit der Botschaft zu pflegen. Um sich nicht in die Karten schauen lassen zu müssen, können hier viele Mittel recht sein.

    Vor allem Neulinge begehen oft den Fehler, nicht bezahlte Vorleistungen zu erbringen. Zeichnungen werden abgegeben und man ist erstaunt, dass nachher die Chinesen gerade bei jenen Teilen, wo man grosszügig gewesen ist, keinen Technologietransfer wünschen. Viele glauben, man könne sich mit Vorleistungen in den Markt einkaufen.

  3. Die Korruption wird beim Geschäft mit China immer wichtiger und spielt eine immer grössere Rolle für Verhandlungen. Gewisse Handelsfirmen preisen sich, diese „Dienstleistung" anbieten zu können. Oft sind Firmen aus Hong Kong (auch Niederlassungen aus der Volksrepublik) mit von der Partie. Sollte der Wettbewerb zwischen den Aussenhandelsgesellschaften, Firmen und spezialisierten Institutionen grösser werden, dann muss noch mit einer grösseren Korruption gerechnet werden.
  4. Einige Prinzipien, welche die Verhandlungen dominieren:
bulletMoatai-Prinzip: Über dem Tisch trinkt man sich zu und redet von Zusammenarbeit. Unter dem Tisch gibt man sich notfalls Tritte. Je schwieriger das Message, desto süsser muss es verpackt sein.
bulletHaar-in der Suppe-Prinzip: Auf das Haar im Vertrag oder bei der Abwicklung eines früheren Vertrages wird gezeigt, um massgebende Konzessionen zu erhalten.
bulletPrimadonna-Prinzip: Von den Präsidenten und Generaldirektoren versprechen sich die Chinesen, oft zurecht, noch zusätzliche Konzessionen über die allerletzten Konzessionen hinaus.
bulletScheuklappen-Prinzip: Bei der Verhandlung wird nur ein Teilaspekt bearbeitet, und man weigert sich, Zusammenhänge zu berücksichtigen. Aus unerklärlich erscheinenden Gründen wir auch auf starre Formulierungen im Vertrag bestanden. Gefahr des Scheuklappen-Prinzip ist, dass das ausländische Unternehmen viele kleine Einzelkonzessionen macht und dann keine Verhandlungssubstanz mehr hat. Oft spielt die Gegenseite hinter internen Vorschriften, meist oft vertraulichen, Verstecken.
bulletTeigprinzip: Schlage nie mit der flachen Hand auf einen Teig, denn man dringt nicht in den Teig ein, sondern tut sich weh. Stosse mit der richtigen Geschwindigkeit, und man kommt vorwärts und ermündet nicht. Das gleiche Prinzip hat oft Erfolgt bei den Verhandlungen.
bulletPrinzip der Unschärfenrelation: Das physikalische Prinzip der Quantenmechanik, dass man ein System stört, wenn man es ausmessen will, gilt auch bei den Verhandlungen: Taste das System der anderen Seite vorsichtig ab, sonst wird es stark gestört und schwer analysierbar. Dieses Prinzip soll auch gelten, wenn der Gegenpartner grobschlächtig auftritt oder offensichtlich dicke Lügen auftischt. Merke übrigens: eine Lüge, die den Interessen dient, ist in China nicht unbedingt eine Lüge.
bulletFussballprinzip: Man schindet Zeit, um Probleme zu überwinden oder zusätzliche Konzessionen zu erhalten. Achtung vor Fouls, wenn man es bekämpfen oder selber anwenden will. Ein Mittel, dieses Prinzip anzuwenden, ist der Verbaldurchfall. Unangenehm wird das Fussballprinzip, wenn man auf das Flugzeug will oder endlich wieder nach Hause zur Familie. Dieses Prinzip tritt oft in Verbindung mit dem Prinzip der „Beleidigten Leberwurst" auf.
bulletMaulslochprinzip: Der Gegner wartet und wartet, bis eine ihm genehme Lösung erscheint und stürzt sich dan auf die Beute.
bulletDas Prinzip des Gesichtsverlustes: Lasse wenigstens ein kleines Törchen offen, damit der Gegner noch entweichen kann, sonst ist er bereit, wie eine in die Ecke getriebene Ratte zu kämpfen.

 

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